»ELDERONS MISSION«

Eine Dark-Fantasy-Kurzgeschichte von Mairi Carlsson

Kurzbeschreibung

Er ist der Reaper der Klagenden Gärten, Erster unter den Schnittern des Herbstkönigs. Eine Legende. Als ihn der Herbstkönig der Anderswelt mit der Mission betraut, eine neue Seele für seinen Garten zu rauben, hält Elderon dies zunächst für unter seiner Würde. Doch als er auf die verfluchte Seele trifft, erlebt er eine Überraschung, die alles infrage stellt, woran er je geglaubt hat.

Elderons Mission bringt den Tod. Doch der Tod ist nicht das Ende.

Dark Fantasy Kurzgeschichte "Elderons Mission" - Online Storys
Elderons Mission

Sein Chakryn kribbelt erwartungsvoll. Aus dem Energiepunkt in seiner Handfläche züngelt eine Seelenflamme empor, die unruhig flackert. Sie hungert nach Nahrung. Ihr bläulicher Schein verdichtet sich. Elderon betrachtet sie mit einem Stirnrunzeln. Wie lange ist es her, dass er dieses Kribbeln zuletzt gefühlt hat? Es hat sich stets dann in ihm geregt, wenn er auf die Jagd ging, um eine verwunschene Seele in die Anderswelt zu entführen. Ein Drang, dem er nicht widerstehen konnte.

Früher empfand er Stolz dabei. Er ist der Reaper der Klagenden Gärten, Erster unter den Schnittern des Herbstkönigs. Bis heute hat kein anderer Reaper so viele Seelen eingesammelt wie er. Elderon ist eine Legende, selbst unter seinen eigenen Leuten. Aber inzwischen ist er zufrieden damit, das Lichtspiel der gefangenen Seelen in den Gärten zu beobachten. Bunte Schmetterlinge, die nach und nach verblassen, wenn ihre Energie von den Feen aufgezehrt ist. Er ist nicht ihr Richter, nur der Jäger jener, die sich im Zwielicht verirrt haben oder einen Pakt mit den uralten Mächten eingegangen sind. Denn wer zu Lebzeiten seine Seele als Preis für materiellen Erfolg an die Anderswelt verkauft hat, der wird im Tod einem Reaper niemals entkommen. Aber der Ehrgeiz, mit dem er einst diese Seelen eingefangen hat, ist geschwunden und hat einer Gelassenheit Platz gemacht, die keinen Raum mehr für den Nervenkitzel der Jagd bietet. 

Oder ist es Gleichgültigkeit? Langeweile? 

Elderon denkt nicht weiter darüber nach. Beides sind menschliche Regungen. Er ist schon lange kein Mensch mehr.

Das Kribbeln seines Chakryns erinnert ihn allerdings daran, dass er eine Aufgabe zu erfüllen hat. Er war – und ist es noch – der Beste der Besten. Da der Herbstkönig ihn persönlich statt einen der ihm unterstellten Reaper für diese Mission ausgewählt hat, muss es eine besondere Seele sein, die er in die Klagenden Gärten überführen soll. Elderon hat vom König keinen Namen und keine Richtung für sie erhalten, nur eine Energiesignatur. Die flackernde Seelenflamme in seiner Handfläche, die er nach Belieben aus seinem Chakryn aufscheinen lassen kann, ist für ihn Kompass und Landkarte zugleich, quasi ein Negativabdruck der Seele, die ihr versprochen ist. Ein Magnet, der von seinem Gegenstück angezogen wird. 

Die Flamme hat sich justiert, kaum dass er die Anderswelt verlassen hat. Er befindet sich nun im Zwielicht, jener Region zwischen den Welten, in denen die Schatten herrschen und die Dimension der Sterblichen wie ein Scherenschnitt wirkt. Das Zwielicht hüllt ihn ein wie ein Mantel und macht ihn unsichtbar für menschliche Augen. Im Zwielicht macht es keinen Unterschied, ob es in der physischen Welt Tag oder Nacht ist. Geräusche und Farben sind gedämpft, so als ob ein Teil der Stofflichkeit aus ihnen herausgeschält wurde; etwa so, wie wenn ein Maler Farbe von der Leinwand tupft. Elderon muss lediglich den Schatten zwischen Raum und Zeit befehlen, sich zu teilen. Sie öffnen ihm den Weg. Häuser, Straßen und Gegenstände der physischen Welt bilden dann kein Hindernis mehr für ihn.

Er gibt sich dem Kribbeln des Chakryns hin. Die Schatten vor ihm wabern und wirbeln kurz auf, als hätte ein Windstoß sie getrieben, dann schieben sie sich zur Seite und öffnen einen Pfad aus dunklen Wolken. Diesem folgt er, bis seine Seelenflamme hell aufstrahlt. Mit einer Handbewegung wischt er die Schatten beiseite und tritt in die Welt der Sterblichen über, wobei er weiterhin einen Mantel aus Zwielicht um sich hüllt, der ihn vor den Augen der Menschen verbirgt.

Außerhalb dieses Kokons ist es ein strahlender Tag. Die Sonne leuchtet grell an einem nahezu wolkenlosen Himmel und würde ihn blenden, wenn er seinen Mantel nicht trüge. Die Luft riecht anders als früher, weniger frisch. Auf jeden Fall anders als in seiner Erinnerung. Es ist lange her, dass er die Welt der Lebenden aufgesucht hat.

Für einen kurzen Moment sieht er sich um. Die Häuser stehen enger und höher, die Gefährte auf den Straßen sind kompakter und schneller geworden. Und beinahe so zahlreich wie Ameisen in ihrem Bau. Offenbar haben die Menschen sie zum bevorzugten Fortbewegungsmittel erkoren. Sie parken an Straßenrändern, in Einfahrten und auf großen Plätzen. Es gibt sie in allen möglichen Farben und Größen. Trotzdem sehen sie für ihn alle gleich aus. Nur selten fällt einer der Wagen durch eine andere Bauweise oder eine gewisse Eleganz aus der Reihe. Elderon verschwendet keine weitere Zeit an unnütze Betrachtungen. Doch was ihm unangenehm auffällt, ist der Lärm. Es ist laut. Viel zu laut für seine Ohren, fast so, wie wenn am herbstköniglichen Hof ein Maskenball stattfindet und Gesandte aus allen Teilen des Reiches kommen, um zu feiern. Dabei ist das nur ein Vorort der Großstadt, die er bei einem seiner letzten Besuche kennengelernt hat. Er hüllt etwas mehr von dem Zwielicht um sich, um die Geräusche zu dämpfen. Vielleicht ist er mit den Jahren empfindlicher geworden. 

Irritiert wischt er den Gedanken beiseite. Schon wieder eine menschliche Regung.

Seine Seelenflamme hat ihn in eine gepflegte Seitenstraße geführt. Das Haus vor ihm ist bis auf das Dach komplett aus Holz gefertigt und frisch weiß gestrichen, wobei eine der Längsseiten noch nicht fertig ist. Eine Frau steht dort auf einer Leiter und  trägt die Farbe mit einer Rolle auf, die zu groß für ihre zarten Hände ist. Sie summt leise vor sich hin. Im Garten vor dem Haus sägt ein kräftig gebauter Mann mit einer elektrischen Maschine Holzplatten zurecht. Es ist eines der Geräusche, die Elderon stören. Ein Spaziergänger mit einem Hund kommt am Zaun vorbei und ruft etwas. Der Mann unterbricht seine Arbeit kurz, um sich mit ihm zu unterhalten. Der Hund starrt mit aufgestellten Ohren in Elderons Richtung und zerrt unruhig an seiner Leine.

Elderon beachtet ihn nicht. Keiner der drei Sterblichen ist die Seele, die er einzusammeln hat. Sein Chakryn zieht in weiter auf das Haus zu. Anstatt den Weg durch das Zwielicht zu wählen, betritt er es durch die offen stehende Vordertür und lässt dabei etwas mehr Energie in seine Seelenflamme fließen. Sie flackert dunkelblau auf. Er nähert sich seinem Opfer.

Eine knarrende Holztreppe führt nach oben, aber niemand hört seine Schritte. Sie werden gedämpft von dem Schleier aus Zwielicht, der ihn noch immer umhüllt. Die Zimmer, die vom oberen Flur abzweigen, sind unfertig, manche gestrichen, manche halb eingerichtet, in anderen stapeln sich Möbel und noch nicht ausgepackte Kisten. Das Kribbeln seines Chakryns verstärkt sich. Die Flamme strahlt intensiver, als er das letzte Zimmer erreicht. Die Tür steht offen. Vor dem ebenfalls geöffneten Fenster sitzt seine Seele. Sie bewohnt den Körper eines Kindes. Ein Mädchen, nicht älter als acht oder neun, schätzt Elderon. Er schließt die Flamme in seiner Hand. Sie verblasst nicht ganz, sondern umspielt mit einem bläulichen Glühen seine Finger.

Ein Kind. Wie ungewöhnlich. Welches Kind geht einen Pakt mit den Feen ein und verkauft seine Seele an die Anderswelt? Seelen, die aus einem Kind gerissen werden, sind unglaublich machtvoll. Sie besitzen die reinste Energie des irdischen Lebens und sind für die Feen schier unerschöpfliche Quellen, aus denen sie ihre eigene Magie speisen.

»Du kommst spät.«

Elderon zuckt zusammen, als das Mädchen ihn anspricht. Es hat sich bei seinem Eintritt nicht gerührt und sitzt immer noch mit angezogenen Knien auf der Fensterbank, aber es sieht ihn direkt an. Sterbliche können ihn für gewöhnlich nicht sehen. Nur manchmal, wenn Tag und Nacht sich in der Dämmerung berühren, nehmen sie ihn als Schatten wahr. Blicken sie dann genauer hin, erkennen sie in ihm ihre größte Furcht. Sie zeigt sich als Fratze, ein Abbild des Todes. Bleiche Schädelknochen, leere Augenhöhlen. Es ist jedoch nur eines seiner beiden Gesichter. Das andere ist menschlich. Er hat längst vergessen, wie es im Leben ausgesehen hat. Kurz fragt er sich, welches Gesicht das Mädchen wohl sieht. Kinder sind stärker mit der feinstoffliche Welt verbunden, da ihre Seelen noch nicht so lange in der Materie verhaftet sind. Doch keines von ihnen hat ihn je begrüßt. Und gar auf so unhöfliche Weise.

Normalerweise lässt er sich nicht auf ein Gespräch mit seinen Opfern ein. Den jungen Reapern ist es sogar verboten, denn sie laufen dadurch Gefahr, sich in den Gefühlen der Sterblichen zu verfangen und ihren Auftrag zu vergessen. Oder gar zu hinterfragen. Er selbst ist diesen Zwängen jedoch längst entwachsen.

»Hast du keine Angst?« Er fragt das Mädchen ebenso direkt zurück. Seine Stimme ist rau und kratzig, da er sie in dieser Welt so lange nicht mehr benutzt hat.

Die Kleine zuckt kaum merklich die Schultern und blickt aus dem geöffneten Fenster. »Angst hat nur, wer nichts versteht. Ich habe schon lange keine Angst mehr.«

»Der Tod schreckt dich nicht?«

»Der Tod ist nur ein Übergang.«

»Aber deine Seele ist nicht mehr frei. Ich bin hier, um sie mit mir zu nehmen. Mach dich bereit!« Elderon streckt die Hand nach dem Mädchen aus. Seine Seelenflamme scheint auf. Er will es der Seele nicht unnötig schwer machen, aber noch weniger will er mit ihr diskutieren. Sie hat ihr Schicksal gewählt, und er hat nicht darüber zu urteilen. Er hat lediglich die Pflicht, sie in die Anderswelt zu führen. Für gewöhnlich spürt ein Reaper Seelen auf, die sich nach dem Tod ihres physischen Körpers im Zwielicht verirrt haben und nicht ins »Drüben« finden. Er sammelt sie ein und bringt sie in die Gärten der Anderswelt, wo die Feenfürsten ihre Energie ernten, um ihre eigene Magie zu stärken. Es ist ihm verboten, einem lebenden Menschen die Seele zu entreißen, außer wenn dieser einen Pakt mit der Anderswelt geschlossen hat. Dann ist der Reaper zugleich Vollstrecker des Todesurteils. Wie in diesem Fall. 

Elderon stellt sich darauf ein, die Seele des Kindes aus ihrem Körper zu ziehen. Zu seiner Überraschung lächelt das Kind ihn an. 

»Ich entscheide, wie ich gehe.« 

Mit diesen Worten lässt es sich aus dem geöffneten Fenster fallen, so plötzlich, als ob ein gespanntes Seil entzweigeschnitten worden wäre. Der Lärm, der seit geraumer Zeit wieder aus dem Garten hinüberdringt, übertönt den Aufprall des Körpers. Die Seele jedoch hat sich noch im selben Moment aus ihm gelöst und materialisiert sich vor Elderon. Sie ist in ein blau schimmerndes Licht gehüllt, ein Spiegel seiner Seelenflamme.

»Siehst du?«, sagt die Seele. »Ich bin frei. Es ist ganz einfach.«

Elderon ist überrascht. Es ist das erste Mal, dass eine Seele ihre physische Existenz freiwillig beendet, bevor er es für sie tun muss. Und dann auch noch zu ihm zurückkehrt, anstatt vor ihm zu fliehen.

Seelen haben kein Alter. Ohne ihren Körper, der sie in ihrer irdischen Existenz beherbergt, sind sie zeit- und alterslos. Wenn sie sich ihrer selbst bewusst sind und sich nach dem Tod des physischen Körpers nicht im Zwielicht verfangen, dann gehen sie von einem Leben ins nächste über. Mit einem Zwischenstopp im »Drüben«. Dem Jenseits, zu dem weder Feen noch Reaper Zutritt haben. So jedenfalls hat Elderon es gelernt. Niemand, nicht einmal die Feen wissen, wie es dort aussieht und was mit den Seelen geschieht, nachdem sie ihren Körper verlassen haben und vom Licht des »Drüben« aufgenommen werden. Sie können jedoch in einem neuen Körper wiederkehren, wenn sie das wollen. Unbewusste und schwache Seelen, deren Körper gerade erst verstorben ist, sind allerdings oft orientierungslos und vergessen, woher sie gekommen sind und wohin sie gehen sollen. Nicht immer öffnet sich ihnen das Licht des »Drüben«. Andere ignorieren es, weil sie Angst davor haben. Dann irren sie im Zwielicht umher, bis entweder eine starke Seele aus der irdischen Welt ihnen den Weg zurück ins Licht weist oder aber sie langsam in die Schatten schwinden, bis sie eins mit ihnen werden. Sie sind Geister, auch Echos genannt – unerlöste Seelen, die sogar die Sterblichen terrorisieren können. In vielen Fällen werden sie Opfer eines Reapers, der auf Seelenjagd ist.

Aber diese Seele ist den Feen versprochen. Einen solchen Pakt kann man nicht brechen, es würde die Seele entzweireißen. Sie hat keine andere Wahl, als mit ihm zu gehen.

Elderon betrachtet die Seele. Ihr Leuchten ist stark, aber noch zart umhüllt von der transparenten Form des Mädchens, das sie mit Leben gefüllt hat. Er diskutiert nicht mit Seelen, er nimmt sie einfach. Das ist seine Aufgabe. Keine von ihnen kann seiner Seelenflamme widerstehen. Aber er muss zugeben, dass er den Mut dieser kleinen Seele bewundert.

»Niemand ist wahrhaft frei«, erwidert er daher. »Nicht einmal die Feen, denen ich diene. Wir alle erfüllen unsere Aufgabe im Universum. Und du hast einen Pakt geschlossen.«

 Die Seele in der blassen Hülle des Mädchens schüttelt den Kopf.

»Die Eltern des Kindes, das ich acht Jahre lang in diesem Leben sein durfte, haben den Pakt geschlossen. Sie haben einen Wunsch an den Feenbaum geknüpft, wie es in dieser Gegend Brauch ist. Sie wünschten sich Sicherheit und Wohlstand für ihre kleine Familie. Doch statt den Wunsch einfach loszulassen und ihn wirken zu lassen, haben sie im Gegenzug ein Opfer versprochen. Für ein eigenes Haus waren sie bereit, das zu geben, was ihnen am teuersten ist. Durch einen unbedachten Satz, dem sie keine Bedeutung beigemessen haben. ›Wir würden alles dafür geben‹, haben sie gesagt. Sie haben nicht verstanden, was sie tun. Welche alte Magie sie in diesem Moment damit erweckt haben. Dieses Kind war ihr Ein und Alles. Ihre größte Freude. So haben sie es ihren Freunden und Verwandten immer wieder erzählt. Worte, die auch in der Anderswelt gehört wurden. Das Feenvolk hat den Menschen viel Unrecht getan.«

Elderon weiß um den alten Brauch, der in diesen Breiten noch häufig gepflegt wird, auch wenn die wenigsten sich an seinen Ursprung erinnern – oder an die Bedingungen, die damit einhergehen. Die meisten nehmen ihn nicht einmal ernst. Die Menschen binden dafür ein Stück Stoff an einen Baum, meist ein Weißdorn, der einst von Feen gesegnet wurde. An den Stoff ist ein Wunsch geknüpft. Sie schreiben ihn auf den Stoff oder sprechen ihn aus. Und manchmal sagen sie zu viel. Und dieses »zu viel« hat stets Konsequenzen. Ursprünglich symbolisierte der Brauch den Respekt vor der Natur und allen Lebewesen in ihr. Das Land gehörte zuerst den Feen, den Aes Sidhe, dem Volk in den Hügeln. Als die Menschen begannen, die fruchtbare Erde zu kultivieren, schenkten sie stets einen Teil der Ernte dem unsichtbaren Volk der Anderswelt, da deren Magie das Land belebte. Und aus Respekt gaben die Feen den Menschen Glück und Wohlstand zurück. Ein natürlicher Kreislauf, der wunderbar harmonisierte. Aber Menschen sind gierige Wesen und das Feenvolk lebt nach eigenen Gesetzen. Was ihnen gegeben wird, das nehmen sie. Wenn ihnen weniger gegeben wird, nehmen sie weniger. Und mehr, wenn ihnen mehr gegeben wird. Je kostbarer die Gabe an die unsichtbare Welt, desto größer der Reichtum in der materiellen. Und was ist kostbarer als die Energie einer Seele? Sie ist alles, was der Mensch besitzt. Alles, was ihn ausmacht.

»Recht und Unrecht sind menschliche Begriffe.« Elderon hat kein Interesse an der Argumentation der Seele. Es ist, wie es ist. Sie ist den Feen versprochen worden.

»Du versteht nicht, Elderon.«

Er weicht überrascht einen Schritt zurück. Noch nie hat eine Seele seinen Namen benutzt. Woher kennt sie ihn?

»Auch ich bin früher dem Wunsch nach Sicherheit und Wohlstand verfallen. Ich hatte nicht begriffen, dass mein Leben in der sterblichen Welt nur ein Zustand von vielen war. Ich lebte viele Leben. Und als Seele verbrachte ich auch eine endlose Weile in den Energiespeichern der Anderswelt, die ihr Gärten nennt. Doch keine Energie kann schwinden, sie kann nur umgewandelt werden. Die Feen haben meine Seelenenergie und die unzähliger Menschen gewandelt, um die Natur zu erhalten, in dieser Welt wie in der Anderswelt. Aber sie haben damit auch Kriege geführt und Materie und Leben zerstört. Meine Energie beseelte Wiesen, Bäume, Seen, Flüsse, Wölfe und Adler. Sie steckte in Waffen und in Zaubersprüchen. Nie bin ich vergangen, ich veränderte nur meine Form. All das durch die Magie der Feen. Ich wuchs und lernte und erfuhr. Als ich den Gärten der Anderswelt entkam, kehrte ich noch ein letztes Mal in ein sterbliches Leben zurück. Um mit dem Kreislauf abzuschließen. Denn ich weiß jetzt, was ich bin. Ich bin die Kraft des Universums. Und ich gestalte es selbst.«

Elderon spürt wieder das Kribbeln seines Chakryns. Seine Seelenflamme leuchtet ohne sein Zutun hell auf. Sie will die Seele endlich in sich aufnehmen, um sich daran zu nähren. Anders als viele Reaper seiner Zunft kann er diesen Drang jedoch kontrollieren, daher gibt er ihm noch nicht nach. Was immer die Seele sagt, mag für sie Bedeutung haben und ihr Sicherheit geben, aber es kann sie nicht von ihrem Schicksal befreien.

Von draußen dringt aufgeregtes Rufen nach oben in das Zimmer. Dann ein lauter Schrei. Die Mutter hat das Kind gefunden. Menschen werden aufmerksam und eilen herbei.

Elderon streckt seine Seelenflamme aus. »Es ist Zeit. Komm zu mir ins Licht. Von dort kann deine Energie erneut die Natur erfüllen.«

 Die Seele ignoriert seine Hand und lauscht nach draußen.

»Es schmerzt. Dieser unermessliche Verlust. Auch ich habe ihn oft gespürt. Aber sie werden lernen und daran wachsen. Darum war ich hier. Um den Eltern des Kindes, das ich bewohnen durfte, zu zeigen, dass kein Wunsch an Bedingungen geknüpft ist. Wenn der Wunsch aus ehrlichem Herzen kommt, dann wird er in Erfüllung gehen, ohne dass man dafür einen Teil von sich selbst opfern muss. Denn der Wunsch selbst ist reine Energie, die sich in dieser Welt manifestiert. Diese beiden Menschen werden nie wieder einen Wunsch an einen Feenbaum knüpfen, nie wieder aus Unwissenheit ein so großes Opfer versprechen für etwas, das keinen Bestand hat. Und sie werden ihre Erfahrung an andere Menschen weitergeben. Die Magie des Feenvolkes wird dadurch schwinden, aber sie wird nicht vergehen, denn alles ist Energie. Wie die Menschen müssen auch die Feen lernen, ihre Macht nicht zu missbrauchen. Alles ist Teil des natürlichen Gleichgewichts.«

Elderon wird ungeduldig. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürt er einen Anflug von Unsicherheit. Die Seele reagiert nicht auf seine Flamme, dabei sollte sie sich nichts sehnlicher wünschen, als Teil von ihr zu werden. Kann das wirklich sein? Dass Seelen wachsen? Noch nie hat sich eine Seele ihm widersetzt. Schließlich ist er ein Reaper, Herr über die Schatten, und Seelen sind nur die Werkzeuge, mit deren Hilfe das Zwielicht und die Anderswelt geformt werden. Mehr nicht. Es ist seine Pflicht, die Seele in die Gärten zu bringen. Was danach mit ihr geschieht, liegt nicht in seinem Ermessen. 

»Du bist gebunden an den Pakt. Wie wir alle. Deine Aufgabe liegt in den Gärten der Anderswelt. Und nun komm!« 

Die Seele sieht ihn an und lächelt. »Meine Aufgabe ist erfüllt. Die deine beginnt gerade erst.«

Mit diesen Worten schwindet sie vor seinen Augen. Sie löst sich einfach auf. Wie ein Nebel, der plötzlich verpufft. Die Seelenflamme in seiner Hand erlischt, sein Chakryn wird kalt. 

Elderon steht wie erstarrt, unfähig, sich zu rühren. So etwas hat er noch nie erlebt. Die Entschlossenheit dieser Seele hat ihn erschüttert. Sie hat es nicht nur geschafft, sich ihm zu widersetzen. Sie hat ihn auch bloßgestellt, als wäre er nichts weiter als ein belangloses Echo im Zwielicht. Sein Stolz ist in Aufruhr. Er ist der Reaper der Klagenden Gärten, Erster unter den Schnittern des Herbstkönigs, eine Legende in den Erzählungen der Menschen. Noch nie ist ihm eine Seele entkommen. Es ist seine Aufgabe, sie zu einzusammeln. Das war es schon immer, so lange er denken kann. Seit er aufgehört hat, ein Mensch zu sein. Seit er seine eigene Seele in den Dienst der Feen gestellt hat. Für ein kurzes sterbliches Leben in Fülle.

Es ist so lange her, dass er diesen Umstand vergessen hat. Er war bedeutungslos. Bis jetzt.

Elderon verharrt noch eine lange Weile, bis jenseits des Zwielichts die Dämmerung hereinbricht. Die Menschen sind längst fort; sie beten in einem kalten, sterilen Raum, an einem Ort, wo sie für ihre sterblichen Körper auf Heilung hoffen. Und wünschen sich, dass sie ihren Wunsch rückgängig machen könnten. Aber kein Wunsch wird erfüllt, so aufrichtig er auch sein mag, wenn er aus einem Schmerz heraus entsteht. Schmerz kann nicht geopfert, er kann nur losgelassen werden. Nur so kann aus ihm etwas Neues entstehen. 

Zum ersten Mal seit langem spürt auch Elderon wieder Schmerz. Er hat ihn nie losgelassen, sondern nur tief in sich vergraben. Unter Schichten aus Stolz, Gier, Ehrgeiz und schließlich Gleichgültigkeit. Es war nicht der Schmerz des Verlusts, der ihn damals antrieb, einen Pakt einzugehen, sondern der Schmerz, nichts wert zu sein. Ein Schmerz der Unzulänglichkeit, der sein einst sterbliches Leben geprägt hatte und den Wunsch gebar, mehr zu sein. Jemand mit Macht, Erfolg und Ansehen. Dabei war und ist auch er nur ein Rädchen im Getriebe. Anfangs im Getriebe der Menschen mit ihren schlichten Denkmustern und selbstsüchtigen Wünschen, später im Getriebe der Feen mit ihrem Drang nach Kontrolle über das Wesen der Natur.

Seine Gedanken kreisen wie wild. Nichts vermag sie wieder einzufangen und unter die Schicht aus Gleichgültigkeit zu verbannen. Er fragt sich, ob er den gleichen Mut aufzubringen vermag wie die Seele. Den Mut, zu hinterfragen. Den Mut, nein zu sagen. Den Mut, loszulassen. Den Mut, frei zu sein.

In weiter Ferne, aus einer Sphäre jenseits der ihm bekannten Welten, vernimmt er den schwachen Nachhall eines fröhlichen Lachens. Es ist das Lachen eines Kindes, das seine Aufgabe erfüllt hat.

ENDE

Postscriptum

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Autorin Mairi Carlsson Profil
Mit dunklen Grüßen aus dem Zwielicht
Mairi

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